Fahrradschnellweg kommt

06.02.2019 · Presse · Mannheimer Morgen

Feudenheimer Au: Gemeinderat stimmt mit klarer Mehrheit für das 6,1-Millionen-Projekt / Kleingärten werden verlegt

Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) hat es gestern im Gemeinderat fast während der gesamten Debatte um den Fahrradschnellweg durch die Feudenheimer Au geschafft, nicht genervt zu wirken. Doch kurz vor der Abstimmung konnte er seinen Ärger über die Auseinandersetzung um Schnelltrasse, Kleingärten und Naturschutz nicht verbergen.

„In keiner Weise“, so schimpfte das Stadtoberhaupt, sei bisher im Gemeinderat in Frage gestellt worden, dass der Radschnellweg umgesetzt werde. Der Rat habe das rund 6,1 Millionen Euro teure Vorhaben sogar im Leitentscheid zum Grünzug ausdrücklich beschlossen. Nun gehe es um die Verwirklichung des Projekts, und plötzlich seien „einige verblüfft, dass das, was bestellt wurde, jetzt auch umgesetzt wird“. Wie berichtet, gibt es Streit um 26 Kleingärten, die verlegt werden müssen. Zudem würde der Radweg genau dort entlang führen, wo eine besonders geschützte Orchideenart, der Bienenragwurz, gedeiht.

Eine Minute Fahrzeitersparnis

Die Fraktionen von CDU und SPD sowie drei Stadträte der Grünen votierten am Ende für die umstrittene Trassenvariante A 2. Die Route führt von der Unterführung an der Feudenheimer Straße im S-Schwung durch die Au und jenseits des Aubuckels über das Spinelli-Gelände bis zur verlängerten Völklinger Straße.

Bei einer „Ertüchtigung“ der vorhandenen Geh- und Radwege entlang des Aubuckels, so hatte der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, Achim Weizel, in der Debatte vorgerechnet, gebe es keine Probleme mit dem Naturschutz, die Kleingärten könnten bleiben, wie sie seien, und die Kosten wären deutlich niedriger. Allerdings bringe die Route durch die Au eine Minute Fahrzeitersparnis, so Weizel: „Das ist doch lächerlich!“ 

Sein SPD-Kollege Ralf Eisenhauer erinnerte mit Blick an eine Gruppe junger Mannheimer, die dem Gemeinderat vor der Radweg-Debatte die Ergebnisse des Mannheimer Kindergipfels vorgetragen hatten, an die Verantwortung des Rats für die Zukunft. „Ich bin sicher, dass diese jungen Menschen, die 2023 und danach erwachsen werden, dankbar sein werden, dass wir heute dieses Projekt auf den Weg bringen.“ Weniger Autoverkehr und mehr Freiräume und Grünflächen waren Wünsche der Kinder, die – neben vielen anderen – in einem Weißbuch zusammengetragen wurden.

Auch Claudius Kranz, Vorsitzender der CDU-Fraktion, begrüßte das Vorgehen. Die betroffenen Kleingärtner vom Kleingartenverein Feudenheim hätten nach ausführlichen Verhandlungen der Umlegung ihrer Parzellen zugestimmt. Druck oder Zwang sei dabei nicht ausgeübt worden. Dies, so Kranz, habe ihm deren Rechtsanwalt, Altstadtrat Rolf Dieter, zugesichert. Verärgert zeigte sich Birgit Reinemund von der FDP, dass Oberbürgermeister Peter Kurz „jede Kritik am konkreten Vorgehen“ als „grundsätzliche Ablehnung der Bundesgartenschau“ interpretiere. Ähnlich äußerte sich auch Thomas Trüper (Linkspartei): „Wir sind ja nicht gegen den Radweg, hätten aber gerne noch die offenen Fragen geklärt.“ Während die FDP gegen die Radwegeführung votierte, enthielten sich die Linken der Stimme.

Vertagung knapp gescheitert

Offene Fragen klären – das hatten auch die Grünen im Sinn, die kurz vor Beginn der Gemeinderatssitzung die Vertagung der Abstimmung beantragt hatten. Für seine Fraktion seien Fahrradweg und Naturschutz gleichermaßen wichtig, die Abwägung daher schwierig, sagte Fraktionschef Dirk Grunert. Deswegen brauche man mehr Zeit zur Diskussion des Themas – was das Plenum allerdings mit zwei Stimmen Mehrheit ablehnte.

  

Kommentar

Jede Menge Klärungsbedarf

Thorsten Langscheid über den Radschnellweg durch die Au 

Die Darmstädter Verkehrsgutachter bewerten die von Stadt, Buga-Gesellschaft, Grünzug-Planern und Ratsmehrheit bevorzugte Radschnelltrasse als beste Variante. Das kann kein Zufall sein, sagen Kritiker und wittern unzulässige Absprachen, gar den wiederholten Versuch, die Buga „durchzudrücken“. Es gehe im Gegenteil darum, die von vornherein vorgeschlagene und als sinnvoll erachtete Route zur Sicherheit nochmals zu überprüfen, halten Oberbürgermeister Peter Kurz und die Befürworter von Grünzug und Bundesgartenschau dagegen. Zudem hatte der Gemeinderat die Streckenführung mehrfach zumindest grundsätzlich für gut befunden.

Tatsache ist aber, dass Kleingärten überbaut werden und die Frage des Naturschutzes – Stichwort besonders geschützte Orchideenart – bei der jetzt beschlossenen Trasse A 2 nicht ausreichend berücksichtigt scheinen. Und natürlich die Kosten: mit über sechs Millionen Euro, die Verlagerung der 26 Kleingärten wohl noch gar nicht mitgerechnet, ist die nun beschlossene Trasse mit Abstand die teuerste aller untersuchten Möglichkeiten.

Da sollten dann auch im Nachhinein noch Fragen erlaubt sein. Zum Beispiel: Läuft die in der Ratsvorlage angedeutete Hauptverbindungsroute aus Käfertal und Vogelstang in die Innenstadt für Radfahrer wirklich über das Spinelli-Areal und die Feudenheimer Au? Sollen sich vorhandene, wenig genutzte Geh- und Radwege am Aubuckel ernsthaft nicht für eine „Ertüchtigung“ zum Radschnellweg eignen? Und was ist eigentlich mit der niedrigen und engen Fußgänger- und Radfahrer-Unterführung an der Feudenheimer Straße? Man sieht: es gibt bei dem Thema noch jede Menge Klärungsbedarf.