Kür in Harmonie und Geschlossenheit

30.01.2019 · Presse · Mannheimer Morgen

Kommunalwahl: Freie Wähler/Mannheimer Liste bestimmen Kandidaten für Gemeinderat / „Fünf Sitze plus X“ als Ziel ausgegeben

Der Hauch von Uneinigkeit währte nur kurz: Wenn es bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung der Freien Wähler/Mannheimer Liste (ML) zur Wahl der Kandidaten für den Gemeinderat überhaupt eine Meinungsverschiedenheit gab, dann war es die über den richtigen Zeitpunkt, um die bereitgestellten Schnittchen und die Suppe einzunehmen. „Die Suppe wird auch nicht wärmer, wenn sie länger steht“, animierte der stellvertretende ML-Vorsitzende Roland Weiß die Mitglieder zu Beginn, doch beim Büffet zuzugreifen. Dagegen pochte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Holger Schmid darauf, zunächst die Einzelwahl der ersten zehn Kandidaten durchzuführen und die Auszählungspause zum Essen zu nutzen.

Abgesehen von diesem Randaspekt war es ein von Harmonie und Geschlossenheit geprägter Abend im Trafohaus in der Schwetzingerstadt: Ohne Gegenanträge oder Kampfabstimmungen wählten die 45 Mitglieder ihre Kandidaten für die Gemeinderatswahl am 26. Mai. Nach nur etwas mehr als zweieinhalb Stunden waren am Montagabend die 48 Bewerber der Liste gekürt. „Das ist Mannheimer Rekord“, scherzte Schmid in Anspielung auf andere Parteien, die dafür weitaus mehr Zeit benötigt haben.

15 neue Bewerber

Angeführt wird die Liste der ML vom derzeitigen Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat, Achim Weizel. Die Delegierten wählten den 78-jährigen Mediziner einstimmig zu ihrem Spitzenkandidaten. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Holger Schmid und Christiane Fuchs. Die weiteren ML-Stadträte Christopher Probst und Roland Weiß – die parteiunabhängige Gruppe ist im aktuellen Kommunalparlament mit vier Sitzen vertreten – stehen auf den Plätzen vier und 48. Wie schon bei der Kommunalwahl vor fünf Jahren, kandidiert Weiß auf dem letzten Listenplatz 48.

15 Neulinge treten für die ML an, zwei haben es unter die ersten Zehn geschafft: Britta Gedanitz und Stephan Frauenkron auf den Plätzen sechs und sieben. Die 53-jährige Gedanitz, von Beruf Rechtsanwältin, ist in Bürgerinitiativen rund um Spinelli und die Bundesgartenschau 2023 aktiv. „Durch Mannheim muss jetzt ein Ruck gehen“, sagte sie. Die SPD regiere „gefühlt seit 100 Jahren, das merkt man.“

Frauenkron, mit 35 Jahren einer der jüngsten ML-Kandidaten, war bis zur vergangenen Woche Leiter des Bürgerdienstes für Rheinau, Seckenheim und Friedrichsfeld. Bei seiner Arbeit, die bis jetzt ein politisches Engagement verhindert habe, seien ihm Dinge aufgefallen, die verbessert werden könnten. „Ich möchte meinen Kollegen in der Verwaltung aufzeigen, wo man noch besser werden und Stellschrauben anziehen kann“, kündigte er an. Frauenkron wird ab 1. Februar Hauptamtsleiter in Plankstadt.

Ansonsten finden sich auf der Liste bekannte Bürger wie Musiker Hans Heiser (Platz 41), Gastronom Giovanni Scurti (32), Konditor Markus Wenzlaff (19) oder der frühere Planetariumsdirektor Wolfgang Wacker (13). Ältester Kandidat (89 Jahre) ist der ML-Ehrenvorsitzende Gert Kordes, jüngste Bewerberin (25 Jahre) ist Hanna Meier. Genau ein Drittel der Kandidaten sind Frauen. Der Fraktionsvize Schmid sprach von einer „überzeugenden Liste“. Als Wahlziel am 26. Mai nannte Schmid „fünf Sitze plus X“

Mehr Sache, weniger Ideologie

Mit den Forderungen für einen soliden Haushalt, eine gesunde Umwelt, intakte Infrastruktur mit Sanierung von Fuß- und Fahrradwegen, Brücken und Straßen sowie Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit zieht die ML in den Kommunalwahlkampf. Weizel betonte, dass „einzig die ML ohne Ideologie und parteiunabhängig das Ziel verfolgt, das Beste für Mannheim und die Menschen in dieser Stadt zu erreichen“. Er wünscht sich, dass im Gemeinderat „mehr nach der Sache als nach der Ideologie“ entschieden werde.

Die Harmonie bei der Versammlung überraschte selbst den Spitzenkandidaten: „So diszipliniert wie heute habe ich das schon lange nicht mehr erlebt“, sagte Weizel und sprach von einem „eindrucksvollen Abend“. Da waren Suppe und Schnittchen schon längst gegessen.

Kommentar: Bewährtes Personal

Christian Schall zur Kandidatenkür der Mannheimer Liste

Bei ihren Kandidaten setzen die Freien Wähler/Mannheimer Liste (ML) vor allem auf bewährtes Personal: Auf den ersten vier Plätzen liegen drei erfahrene Stadträte. Dass es der vierte routinierte Stadtrat, Roland Weiß, aufgrund seiner Popularität wie auch schon 2014 vom letzten Platz in den Gemeinderat schafft, ist sehr wahrscheinlich. Er ist das Zugpferd für den Mannheimer Norden, der ansonsten erst eher ab dem Mittelfeld der Liste repräsentiert wird. Bis auf die Schönau sind alle Stadtteile vertreten – eine gute Basis, wenn man sich, wie die ML, als politische Kraft für alle Mannheimer betrachtet.

Dagegen sind die Frauen mit einem Anteil von einem Drittel noch deutlich unterrepräsentiert. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass zumindest unter den ersten Zehn vier Frauen sind. Im Vergleich zu anderen Parteien hat die ML hier noch einen großen Nachholbedarf. Gleiches gilt für Kandidaten mit Migrationshintergrund. Auch der Altersdurchschnitt war schon geringer. Immerhin rücken jedoch weiterhin jüngere Kandidaten nach.

Entscheidungen frei von Ideologien oder parteipolitischer Taktik – das kündigt die ML für die neue Legislaturperiode im Gemeinderat an. Um dort möglichst zahlreich mitbestimmen zu können, zieht sie mit Geschlossenheit in den Wahlkampf. Ein Nachteil ist das sicher nicht.