„Maßstab muss der Kunde sein“

13.02.2018 · Presse · Mannheimer Morgen

Verkehr Andere Parteien unterstützen den Antrag der SPD, ein Kurzstreckenticket für das gesamte Stadtgebiet einzuführen

Marijan Simic geht einen Schritt weiter: Der öffentliche Nahverkehr sollte für alle kostenfrei sein, findet er. „Die Straßenbahn-Kontrolleure unterstützen die Politessen, somit finanzieren die Falschparker dieses Vorhaben mehr als ausreichend“, schreibt er auf der „MM“-Facebook-Seite. Viele andere Nutzer haben ebenfalls auf den Vorschlag der SPD-Gemeinderatsfraktion reagiert. Sie fordert ein am Automaten erhältliches Kurzstreckenticket. Vier Stationen in Bus und Bahn sollen 1,40 Euro kosten (wir berichteten). Durch die Senkung des Fahrpreises (von 2,60 Euro für ein Einzelticket) verspricht sich die SPD mehr Fahrgäste. Zudem könnten Smartphone-Benutzer über den VRN-„eTarif“ Tickets für 1,40 Euro schon kaufen, Automatennutzer aber eben nicht.

Mannheimer Liste

„Die Einführung eines Kurzstreckentickets begrüßen die Freien Wähler – Mannheimer Liste“, teilt Fraktionsvorsitzender Achim Weizel mit. Er widerspricht VRN-Geschäftsführer Volkhard Malik, der im „MM“ gesagt hatte, dass die Digitalisierung „für uns der Maßstab aller Dinge“ ist. Weizel: „Der Maßstab aller Dinge muss der Kunde, die Bürgerinnen und Bürger sein.“ Weizel formuliert einige Fragen an Verwaltung und VRN – zum Beispiel, wie viele Menschen das heutige Quadrateticket verwenden und warum es nicht auch für Kurzstrecken in den Stadtteilen genutzt werden könne. „Die bisherigen Ausführungen der Verwaltung bezüglich der Kosten im Zusammenhang mit dem Kurzstreckentarif sind oberflächlich und nicht nachvollziehbar“, kritisiert Stadtrat Christopher Probst.

SPD-Landtagsabgeordneter Stefan Fulst-Blei mahnt, nicht jene zu vergessen, die Probleme im Umgang mit dem Smartphone haben. Das Ticket bezeichnet er als große Chance für die Stadtteile. Deshalb erwartet er von Bürgermeister Christian Specht, seinen Widersand aufzugeben und das Projekt zu unterstützen.

CDU

Die Fraktion unterstützt die Intention des SPD-Antrags. Vorsitzender Claudius Kranz findet aber, dass es richtig gewesen wäre, diesen Antrag in den erst abgeschlossenen Haushaltsberatungen zu stellen, damit er auch haushalterisch untermauert werden kann. „So steht zu befürchten, dass es zumindest für die nächsten zwei Jahre ein Schaufensterantrag bleibt“, sagt Kranz. Außerdem müsse die Frage der Kosten für die Umrüstung der Fahrscheinautomaten noch beantwortet werden.

Grüne

Die Einführung eines Kurzstreckentickets ist eine alte Forderung der Grünen, sagt Fraktionsvorsitzender Dirk Grunert. Schon 2004 habe die Partei in ihrem Wahlprogramm neben der Stärkung des Fuß- und Fahrradverkehrs auch den öffentlichen Personennah- gegenüber dem Individualverkehr attraktiver gestalten wollen. Ein Satz lautete: „Wir wollen das Fahrscheinangebot durch ein Kurzstreckenticket ergänzen.“ Über die Jahre habe seine Partei wenig Unterstützung dafür erhalten. „Von allen Seiten hieß es immer, dass es sowieso nicht möglich ist“, sagt Grunert. Daher stoße der Antrag der SPD bei den Grünen auf offene Ohren.

Das Kurzstreckenticket mit dem „e-Tarif“ vertiefe die Spaltung der Bevölkerung in Online- und Offline-Gesellschaft. Es sei davon auszugehen, dass in den Teilen der Gesellschaft, die nicht online-affin sind, das Kurzstreckenticket besonders benötigt werde – gerade die ältere Bevölkerung oder die Teile der Bevölkerung, die sich kein Smartphone leisten können. „Das Kurzstreckenticket ist also nicht nur eine verkehrlich sinnvolle Sache, sondern auch eine Frage der Gerechtigkeit.“

FDP

Volker Beisel macht für die FDP darauf aufmerksam, dass sich seine Partei im Gemeinderat schon mehrfach für das Kurzstreckenticket eingesetzt habe. 2011 habe die FDP in Vororten Umfragen mit Postwurfsendungen in alle Haushalte gemacht, um die Aussage der Verwaltung „zu geringe Nachfrage“ zu widerlegen. „Damals hatten sich circa 86 Prozent der Rückläufe für das Kurzstreckenticket ausgesprochen“, sagt Beisel. Das Angebot würde zu einer Belebung der Stadtteile beitragen, weil es Einkauf oder den Weg zum Arzt erleichtere. „Das Ticket wäre auch ein wichtiger Baustein im Sinne unseres Zentrenkonzeptes zur Stärkung der Stadtteilzentren.“