Gnadenfrist für Multihalle wird verlängert

23.06.2017 · Presse · Mannheimer Morgen

Denkmalschutz Stadträte bewilligen mit sehr großer Mehrheit Geld für Veranstaltungen und Sponsorensuche / Nun Zeit bis Ende 2019

"Mehr als mitleidig belächelt worden" sei er vor einem Jahr, wusste Steffen Ratzel (CDU) gestern noch ganz genau. Im Juni 2016 votierte er als einziger Stadtrat für den Erhalt der Multihalle. Nun war er "überrascht und erfreut", denn im Hauptausschuss stimmte jetzt eine ganz breite Mehrheit von SPD, CDU, Grünen und Linken dafür, dem Bauwerk doch noch eine Chance zu geben. Sie verlängerten die Frist, wann eine Entscheidung für oder gegen den Abriss getroffen werden soll, bis Ende 2019 und bewilligten auch 158 000 Euro, um das Bauwerk nutzen undbespielen zu können.

"Man kann immer wieder klüger werden", sagte CDU-Fraktionschef Claudius Kranz. "Einige in der Fraktion waren schon klüger, wie der Kollege Ratzel", räumte er ein. Zwar erwarte er nach wie vor, dass "der überwiegende Teil" des Erhalts der Multihalle von Gönnern finanziert werde, und er vermisste "tragende Nutzungskonzepte", doch habe das Bauwerk eine Chance verdient.

SPD-Fraktionschef Ralf Eisenhauer verspricht sich von einem Erhalt des Bauwerks "einen Mehrwert für die Stadtgesellschaft". "Ich glaube, dass wir jetzt die richtigen Schritte gehen", sagte er. Dabei räumte sein Kollege Reinhold Götz ein, "dass Mannheim mit diesem Erbe nicht immer so umgegangen ist, wie es angemessen gewesen wäre".

"Für mich ist das Ganze weiter ein offener Prozess", sagte Dirk Grunert (Grüne), doch zeigte er sich beeindruckt vom Engagement der Fachwelt für die Multihalle, das man jetzt nutzen müsse. Thomas Trüper (Linke) hält die Multihalle für ein "Pfund, mit dem die Stadt noch nicht so richtig wuchert". Seit einem Jahr hätten sich "viele Aspekte und Perspektiven aufgetan", das Bauwerk zu erhalten.

Dagegen warf FDP-Stadträtin Birgit Reinemund der Verwaltung verärgert vor, sie habe mit ihren bisherigen Aktivitäten "die Chance, eine Abrissgenehmigung zu kriegen, weiter verringert". Die Haushaltslage lasse es nicht zu, dass die Stadt für ein Gebäude Geld ausgebe, für das "kein wirtschaftlich tragbares Nutzungskonzept" vorliege.

Ärger über Will

Für "völlig unangebracht" hielt auch Achim Weizel (ML) einen Einsatz für die Halle. Ein Erhalt sei "viel zu kostspielig", die Nutzung offen, es habe "keinen Sinn, die Frist zu verlängern" und beruhe nur auf "Emotionen und einem ganz engen Kreis" von interessierten Architekten. Als sich Eberhard Will (früher AfD/Alfa, nun "Bürgerfraktion") im Namen der "Werktätigen", die im Gegensatz zum öffentlichen Dienst "ihr Geld mit harter Arbeit verdienen" über "verantwortungslosen Umgang mit Steuergeldern" empörte, reichte es Oberbürgermeister Peter Kurz aber. "Das ist an der Grenze des Unerträglichen", rügte er Will und betonte, dass die Stadt als Eigentümer der Multihalle gesetzlich verpflichtet sei, das unter Denkmalschutz stehende Gebäude zu erhalten. Reinhold Götz (SPD) fand den Beitrag von Will "weit über der Schmerzgrenze".

Zuvor hatten Kurz und Baubürgermeister Lothar Quast deutlich gemacht, dass sich seit einem Jahr die Voraussetzungen geändert hätten. Es gebe "ein erhebliches Interesse der Fachwelt und die erkennbare Bereitschaft, sich zu engagieren", erste Nutzungsideen und auch die Möglichkeit, die Sanierung vielleicht deutlich günstiger als für die zunächst geschätzten 11,6 Millionen Euro zu schaffen.

Maurice Lausberg, Geschäftsführer der Agentur "actori", sah jedenfalls Chancen, bei einer bundes-, ja weltweiten Suche nach Geldgebern auch Erfolg zu haben, sagte er den Stadträten - aber nicht in der zunächst gesetzten Frist bis Ende 2017. "Der typische Zeitraum sind drei bis acht Jahre, und man braucht ein Nutzungskonzept", so Lausberg. Stephan Weber, Vizepräsident der Architektenkammer Baden-Württemberg, appellierte an die Stadträte, "das architektonische Juwel zu erhalten und mit Inhalt zu füllen". Die Kammer helfe da gerne mit, was "keine Selbstverständlichkeit" sei. "Würden wir das bei allen gefährdeten Denkmälern tun, hätten wir viel zu tun." Die Multihalle aber sei eine Ausnahme. "Aber wir brauchen Zeit für solch einen Prozess, das kann man nicht übers Knie brechen." Diese Zeit haben die Stadträte, die darüber am Dienstag noch mal im gesamten Gemeinderat abstimmen, nun bewilligt.